Bürgerbüros - eine Drehscheibe für alle Generationen
Redaktionelle Arbeit: Dr. Heide Streicher
Zusammenfassung und Schlußfolgerungen
Aus der Verantwortung für Menschen aller Altersstufen heraus wurde 1995 von den Vereinten Nationen das letzte Jahr des 20. Jahrhunderts als das Jahr für alle Lebensalter proklamiert.
„A society for all is one that adjusts its structures and functioning, as well as its policies and plans, to the needs and capabilities of all, thereby releasing the potential of all, for the benefit of all. A “society for all ages” would, additionally, enable the generations to invest in one another and share in the fruits of that investment, guided by the twin principles of reciprocity and equity”.
Diese Aussage bedeutet, daß eine moderne Gesellschaft die Bedürfnisse und Kapazitäten jeder ihrer Altersgruppe berücksichtigt. Sie fördert eine Altersintegration ebenso wie einen intergenerativen Austausch. Sie anerkennt die sich ständig verändernden Phasen des Älterwerdens des individuellen Lebens und bezieht die Fähigkeit des Reifens von der Kindheit bis ins hohe Alter in die Betrachtung mit ein.
Durch die Installierung der Bürgerbüros für JUNG und ALT, trägt Österreich entscheidend zu einer neuen Kultur des Miteinanders der Generationen bei. Diese neue Initiative des Bundesministeriums für Soziale Sicherheit und Generationen (vormals Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie), die seit 1998 in Österreich forciert wird, ermöglicht einerseits mit der Installierung der Bürgerbüros in kleinen und größeren Gemeinden, dass Neues entsteht und andererseits können bereits bestehende und langjährig erfolgreiche Initiativen und Projekte in Bürgerbüros integriert werden.
a) Leitung der Bürgerbüros und ehrenamtliche MitarbeiterInnen
Die Hauptverantwortung liegt meist bei einigen wenigen engagierten Personen, die immer wieder in die Umsetzung verschiedenster Projekte und Initiativen eingebunden werden. Dadurch kann es leicht zu Überlastungen einzelner MitarbeiterInnen führen, die in letzter Konsequenz zu einer Schwächung der gesamten Institution führen können. Um hier Abhilfe zu schaffen, wäre es sinnvoll, dass Verantwortlichkeiten unter mehreren Personen geteilt werden. Die jeweils Hauptverantwortlichen von Einzelinitiativen könnten selbst aus ihrem Bekanntenkreis MitarbeiterInnen suchen und weitere Verantwortlichkeiten in sehr kleinem Rahmen an mehrere Personen, die sich dann eigenverantwortlich abwechseln, übergeben. Wesentlich erscheint in diesem Zusammenhang, dass ständiger Gedankenaustausch und Kommunikation in Form von Gesprächen stattfindet. Allerdings muß darauf hingewiesen werden, dass diese dringend nötige ständige Auseinandersetzung am Zeitbudget, das Ehrenamtliche zur Verfügung stellen, sehr oft scheitert. Das gelungene Salzburger Modell, zeigt, dass eine gut ausgebildete und von der Idee des bürgerschaftlichen Engagements überzeugte hauptamtliche MitarbeiterIn, die zumindest fünf Stunden die Woche für die Belange des Bürgerbüros zur Verfügung steht, optimale Resultate erzielen kann.
Wenn hingegen Bürgerbüros basisdemokratisch ohne fachliche Unterstützung geführt werden, bleibt der gewünschte Erfolg aus, da sich Gespräche im Kreis bewegen und für zu setzende Initiativen keine Kraft mehr bleibt. Daraus entsteht Frustration und neu hinzu gewonnene MitarbeiterInnen, ziehen sich wieder ebenso frustriert zurück und sind in weiterer Folge für bürgerschaftliches Engagement eher nicht mehr anzusprechen. (Siehe Bürgerbüro Innsbruck)
Kommunikative und organisatorische fachliche Kompetenz der hauptamtlich Tätigen ist eine Möglichkeit, um Bürgerbüros zum Erfolg werden zu lassen. Eine zweite Variante wäre eine fundierte Ausbildung der Ehrenamtlichen. Allerdings kann diese Ausbildung nicht in einem Nachmittag durchgezogen werden. So gesehen sind Kurzausbildungen, die im Rahmen der Vernetzungsträgertreffen angeboten werden, eher riskant, da sie den Beteiligten den Eindruck vermitteln, dass sie sich eine entsprechende Zusatzqualifikation angeeignet hätten, die ihnen dann vor Ort die Arbeit erleichtert. Wenn dem dann nicht so ist, setzt Frustration ein, die sich wiederum kontraprodutiv auswirkt. Antriebskraft und Motivation werden geschwächt.
Mein Vorschlag wäre, für ehrenamtlich Tätige zwei bis drei Wochenendseminare auszurichten, in denen die ehrenamtlich Tätigen mit modernen Kommunikationstechniken vertraut gemacht werden und zudem im Austausch mit anderen ehrenamtlich Tätigen ihre eigene Arbeit besser beurteilen können.
Soferne die Leitung des Bürgerbüros in Händen von PolitikerInnen liegt, die nur über ein sehr begrenztes Zeitbudget verfügen, wäre es besonders wichtig zumindest eine ältere oder jüngere Person, die die Idee des bürgerschaftlichen Engagements mit Begeisterung mit trägt, aufzubauen und vollinhaltlich zu unterstützen. (Bürgerbüro Klagenfurt und Innsbruck)
Politiker und Politikerinnen können jedoch auch durch ihre Arbeit in den öffentlichen Gremien, durch ihre Bekanntheit und durch das Nützen informeller Strukturen wesentlich zum Gelingen eines Bürgerbüros beitragen. (Bürgerbüro Waidhofen).
Wenn bekannte und in der Gemeinde beliebte Persönlichkeiten wie zum Beispiel Sportler, LehrerInnen, KindergärtnerInnen bei einem Bürgerbüro mitarbeiten, werden zusätzliche Ressourcen freigesetzt. Zudem vervollständigen sie ein Team, das sich kennt und gegenseitig anerkennt. Gemeinsame Ideen können so auch leichter gemeinsam getragen werden und der generationenverbindende Gedank kann mit Leben erfüllt werden. (Bürgerbüro Wies und Munderfing)
b) Lage, Ausstattung und Angebote der Bürgerbüros
Die örtliche Lage des Bürgerbüros ist ein wesentlicher Beitrag für den Erfolg, da dieses auch von der Laufkundschaft lebt. Dazu gehört jedoch auch ein attraktives Angebot. Zentraler Ort des Bürgerbüros in Frastanz ist die Bibliothek, in der sich alle Generationen ein Stell Dich ein geben.
Sofern diese Bibliotheken mit einem öffentlichen Raum wie z.B. einem Cafehaus in Verbindung stehen, wo Gespräche und kleine Informationsveranstaltungen wie ein Lesenachmittag für Kleinkinder, der von einer Großmutter initiiert wird, stattfinden können, würden intergenerative Ressourcen freigelegt.
Die vorliegende Untersuchung hat eine Diskrepanz, zwischen der unter c) angeführten Initiativen mit einer beachtlichen Vielfalt und deren Umsetzung aufgezeigt. Um dieser Diskrepanz entgegenzutreten bedarf es vor Ort einer Bestandsaufnahme, um herauszufinden unter welchen Voraussetzungen diese durchgeführt werden können und welche personellen und finanziellen Ressourcen zusätzlich ausgeschöpft werden können. Welcher Zeitrahmen für eine Verwirklichung eines Projekts ins Auge gefasst werden kann und welche Projekte und Initiativen aus Ressourcenknappheit zurückgestellt werden müssen. Diese Klarstellung kann unter dem Aspekt einer Selbstevaluation erfolgen.
Da es in kleinräumigen Einzugsgebieten leicht zu einer Überfrachtung bzw. Doppelgleisigkeit des Angebots kommen kann, ist eine Analyse der Gegebenheiten vor Ort von wesentlicher Bedeutung. In diesem Zusammenhang muß erwähnt werden, dass ein besonders Augenmerk auf Nischenarbeit gesetzt wird, um eine effektive Umsetzung von geplanten Initiativen zu ermöglichen.
Besonders auffallend ist es, dass Bürgerbüros, die eine komplexe Vernetzungsstruktur (siehe Gemeinde Wies) für sich nutzen können, attraktive Angebote haben und zielgerichtete Initiativen setzen können, die von der Bevölkerung auch angenommen werden. Effiziente Vernetzung kann jedoch auch von Einzelpersonen (siehe Bürgerbüro Frastanz) getragen werden. Christa Stadler wäre als Beispiel zu nennen. Sie ist seit vielen Jahren in der Gemeinde ehrenamtlich tätig und hat immer wieder neue Initiativen gesetzt, die den Bedürfnissen einer bestimmten Gruppe der Bevölkerung entgegenkam. Daraus erwuchs Vertrauen, das nun beim Aufbau des Bürgerbüros Nutzen bringt. Daher ist davon auszugehen, dass persönliche Bekanntheit und Akzeptanz in der Bevölkerung, sowie das Nutzen persönliche Möglichkeiten vernetzte Arbeit zu leisten, als Grundlage für eine hohe Qualität für die Durchführung von Initiativen dienen kann.
Die best besuchtesten Initiativen sind Großveranstaltungen wie Feste und Vorträge mit bekannten Referenten. Es wäre anzuregen jede dieser gut besuchten Veranstaltungen mit einem Part, der die Arbeit der Bürgerbüros vorstellt, zu beginnen. Gleichzeitig sollten Anwesenheitslisten aufgelegt werden, die einerseits zur Dokumentation herangezogen werden können und andererseits einen Adressenpool für künftige Aktionen bereit stellen würde.
Das Bürgerbüro Auersbach hat hier bereits eine Vorreiterrolle übernommen.
Die hohe Zahl der Frequentierung von Veranstaltungen einerseits und die kleine Anzahl der ehrenamtlich Tätigen, die diese Veranstaltungen organisieren, zeigt, dass das zur Zeit gängige Konsumverhalten der Bevölkerung auch in den meisten Bürgerbüros Probleme aufwirft.
c) Nutzung von Synergien
Einige Bürgerbüros sind in bereits bestehende Organisationen eingebettet
Synergien, die dadurch entstehen, sinnvoll zu nutzen, ist jedoch nur dann möglich, wenn entsprechende Konzepte, die genau auf die Gegebenheiten vor Ort Rücksicht und Bedacht nehmen, entwickelt werden und deren Effizienz ständig überprüft wird.
Mit jeder neu hinzukommenden MitarbeiterIn mit ihren persönlichen Kompetenzen und Eigenheiten, verändert sich die interne Struktur eines Bürgerbüros. Dieser Veränderung muß dann im Gesamtkonzept Rechnung getragen werden.
Wenn es enge Kontakte und räumliche Nähe zwischen einem Bürgerbüro und einer Trägerorganisation gibt, ist es unabdingbar Absprachen und Abmachungen mit den MitarbeiterInnen der Bürgerbüros, die in irgendeiner Weise mit und für die Trägerorganisation tätig sind, zu machen, um für beide die Effizienz zu steigern und Frustration zu vermeiden.
Transparenz und Offenheit sind Voraussetzungen für erfolgversprechende Synergien.
d) Öffentlichkeitsarbeit
Um die Idee die hinter den Bürgerbüros steht öffentlich zu machen, bedarf es einer gezielten Werbestrategie. Das Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen (vormals Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie) hat mit einer bundesweiten Versendung von ansprechend gestaltetem Informationsmaterial das neue „Produkt” für sämtliche Gemeinden Österreichs zugänglich gemacht.
Die 10 von der Jury ausgewählten Gemeinden, die mittels einer finanziellen Förderung und ideellen Unterstützung, die Idee des bürgerschaftlichen Engagements umsetzten und mit Leben erfüllen, sind selbst durch ihre Arbeit vor Ort potentielle Werbeträger.
Zusammenfassend läßt sich bemerken, dass die Bürgerbüros unterschiedliche Werbestrategien in unterschiedlicher Dichte und mit unterschiedlichem Erfolg eingesetzt haben.
- Anbringen einer Zusatztafel „Bürgerbüro” (siehe Anhang Fotomaterial Waidhofen)
- Erstellung von Informationsmaterial, das die Initiativen der Bürgerbüros beschreibt (siehe Anhang diverse Falter und Informationsmaterial der Bürgerbüros))
- Informationskampagnen in Gemeindezeitungen und Pfarrblättern (siehe Anhang Bürgerbüro Auersbach)
- Presseinformationen für Zeitungen (siehe Anhang Salzburg)
- Ausnützen von lokalen Fernsehstationen (siehe Bürgerbüro Domino in Frastanz)
- Gut durchgeführte und gut besuchte Veranstaltungen, die die Arbeit und die Idee der Bürgerbüros in eine breitere Öffentlichkeit tragen (siehe Bürgerbüro Salzburg)
- Vernetzungsarbeit mit Vereinen und Organisationen vor Ort (siehe Bürgerbüro Wies)
- Internetzugang (siehe Bürgerbüro Wien)
Besonders zu beachten sind die lokalen Möglichkeiten.
Im städtischen Raum werden Initiativen über gezielte Öffentlichkeitsarbeit in schriftlicher Form verbreitet. Im ländlichen Raum hingegen läuft die Vermittlung von Informationen auf informellen Wegen, wie z.B. in Gesprächen beim Einkaufen, im Gasthaus und auch bei Veranstaltungen werden diese weitergegeben. Personen, die für eine ehrenamtlichen Mitarbeit eingeladen werden, können ebenso eher in diesem Rahmen angesprochen werden. (Siehe Unterschiede zwischen den Bürgerbüros in Wien und in Auersbach).
In diesem Zusammenhang sollte im Falle der Bürgerbüros die gesamte Frage der Evaluation neu überdacht und im Zuge dessen auch an die jeweils aktuelle Situation der Bürgerbüros angepasst werden, um unnötige Frustrationen und dadurch Schwächung der Arbeit vor Ort zu vermeiden.
Der verwendete Begriff „Bürgerbüro” wird vor allem oft in ländlichen Gebieten nicht verstanden und daher durch Bezeichnungen wie „Dorfhaus” oder „s´Hus am Dorfplatz” ersetzt. Sie werden von den Menschen, für die die Bürgerbüros installiert wurden, eher angenommen, da diese Bezeichnungen lebendiger und ansprechender sind.
e) Empfehlungen, um Nachhaltigkeit zu gewährleisten
Die von mir besuchten Bürgerbüros haben sich alle mit dem zielführenden Gedanken der Intergenerationalität auseinandergesetzt und versuchten nach Maßgabe der Möglichkeiten vor Ort bestes zu leisten. Um Nachhaltigkeit zu gewährleisten und bei Neuinstallierungen beste Vorausssetzungen zu schaffen, könnten folgenden Anregungen zielführend sein.
1. Pro Kalenderjahr sollte ein Vernetzungsträgertreffen, das in einem der Bundesländer von einem Bürgerbüro ausgerichtet wird, stattfinden. Bei diesem Treffen soll den Bürgerbüros sowohl die Gelegenheit gegeben werden sich zu präsentieren als auch in Workshops Möglichkeiten der Aussprache geboten werden.
2. Die Betreiber der Bürgerbüros sollten in Selbstevaluation geschult werden (Innere Stärken und Schwächen; externe Hindernisse und Möglichkeiten), um am Ort des Geschehens selbstregulierend eingreifen zu können.
3. Über Internet soll den einzelnen Bürgerbüros die Möglichkeit geboten werden ihre eigenen gutlaufenden Projekte und Initiative so zu präsentieren, so dass diese über Abfrage und leichte Veränderungen adaptiert werden können.
4. Es sollte eine zentrale Anlaufstelle (wie eine Hotline), die über Email und Internet zugänglich ist, geschaffen werden, wo Bürgerbüros auf Fragen unmittelbar Antwort und Rat erhalten.
5. Bei der Auswahl der künftigen Bürgerbüros soll als entscheidendes Kriterium das Vorhandensein einer Person, die sich mit der Idee der Bürgerbüros voll identifiziert, den Ausschlag geben. (Siehe Bürgerbüro Frastanz und Waidhofen)
6. Ein weiteres Kriterium wäre eine mehr oder weniger lose Anbindung an eine bereits etablierte Organisation, die persönliche und infrastrukturelle Unterstützung geben kann, bis das Bürgerbüro von selbst läuft (Siehe Bürgerbüro Salzburg)
7. Last not least sollte in den einzelnen Bundesländern in einem der bereits existierenden Bürgerbüros eine zentrale Anlaufstelle geschaffen werden, die auch mit Mitteln des Bundesministeriums für soziale Sicherheit und Generationen ausgestattet sein sollte, um im Schneeballsystem im näheren Umkreis weitere Bürgerbüros zu etablieren.